Unsichtbare Wärmespeicher am Fenster: PCM‑Vorhänge regulieren Raumklima, sparen Energie und bleiben wohnlich
Fenster verlieren bis zu 25 % der Heizwärme – und sie sorgen im Sommer für Überhitzung. Müssen es teure Dreifachverglasungen sein? Nicht immer. Eine kaum bekannte Lösung aus der Gebäudeforschung hält Einzug ins Zuhause: Vorhänge mit Phase‑Change‑Material (PCM). Sie speichern Wärme als Latentenergie, glätten Temperaturschwankungen und verbessern die Behaglichkeit – ohne die Ästhetik eines Wohnraums zu stören.
Was sind PCM‑Vorhänge?
PCM‑Vorhänge integrieren Mikrokapseln aus Wachs- oder Salzhydratgemischen in eine Textileinlage. Bei einer definierten Temperatur – z. B. 22–26 °C – schmilzt das Material und nimmt Wärme auf, ohne dass sich die Stofftemperatur stark erhöht. Kühlt der Raum später ab, kristallisiert das PCM und gibt die gespeicherte Energie wieder als angenehme Strahlungswärme frei. Das Ergebnis: ein stabileres Raumklima direkt an der kältesten und heißesten Zone des Raums – dem Fenster.
Aufbau eines PCM‑Vorhangs
- Vorderstoff: Dekorative Stofflage (Leinen, Baumwolle, Recycling‑Polyester), licht- oder verdunkelungsfähig.
- PCM‑Interlining: Vlies oder Gewebe mit 20–60 % PCM‑Masseanteil (areal ~200–600 g m-2).
- Rückseite (optional): leicht reflektierende, atmungsaktive Schicht zur Reduktion langwelliger IR‑Abstrahlung in Richtung Fensterglas.
- Randabschluss: seitliche Magnet‑ oder Bürstendichtungen zur Begrenzung von Konvektion in der Vorhangnische.
- Bodenabschluss: Saum mit weighted hem (50–120 g m-1) für dichten Abschluss.
Wie viel Wärme speichern sie? Kleine Rechenhilfe
Die Speicherkapazität hängt von der PCM‑Menge und ihrer Latentwärme ab.
| Parameter |
Typischer Wert |
Bedeutung |
| Latentwärme L |
120–180 kJ kg-1 |
Energie pro kg beim Phasenwechsel |
| PCM‑Arealmasse |
0,2–0,6 kg m-2 |
Menge je m² Vorhang |
| Speicher je m² |
7–30 Wh m-2 |
nutzt den Komfort‑Temperaturbereich |
Beispiel: 0,4 kg m-2 × 150 kJ kg-1 ≈ 60 kJ m-2 ≈ 16,7 Wh m-2. Bei 4 m² Vorhangfläche sind das ≈ 67 Wh – genug, um abendliche Temperaturspitzen abzufedern oder morgendliche Kältelöcher zu schließen. Real nutzbar sind je nach Temperaturverlauf ca. 60–80 % davon.
Die richtige Schmelztemperatur wählen
- 20–22 °C: für Schlafzimmer und kühle Zonen; dämpft morgendliche Abkühlung.
- 23–25 °C: für Wohn‑/Arbeitsräume; fängt Nachmittagswärme ab und gibt sie abends frei.
- 26–28 °C: für sonnige Wintergärten; speichert solare Gewinne, ohne zu überheizen.
Tipp: Dual‑Layer aus zwei dünnen Interlinings mit leicht versetzten Schmelzpunkten erweitert das wirksame Temperaturfenster.
Planung am Fenster: Physik der Randfuge
Wärmeverluste entstehen nachts nicht nur durch Strahlung, sondern durch Konvektion hinter dem Vorhang. Drei kleine Details steigern den Effekt deutlich:
- Seitendichtung: flache Magnetbänder (2 × 10 mm) an Laibung und Saum mindern den Kamineffekt.
- Bodenabschluss: 1–2 cm Überlänge plus Beschwerung – Zugluft stoppt, Speichereffekt steigt.
- Nischenkasten: ein einfacher Blendenkasten (Holz/Filz) reduziert Luftaustausch nach oben.
Designvarianten und Raumwirkung
Wohnzimmer
Leinenmischgewebe mit halbtransparenter Optik, PCM‑Interlining mittlerer Stärke, wohnliche Faltenbänder. Farbtöne: warme Neutrals, um den leichten Wärmeschleier visuell zu stützen.
Schlafzimmer
Verdunkelungsrückseite plus PCM mit 20–22 °C; ruhiger, akustisch weicher Raum, weniger Frühkälte beim Lüften.
Homeoffice
Helle, blendfreie Vorderseite; optional mikroperforierte, reflektierende Rücklage, die kurzwellige Tageslichtanteile passieren lässt und langwellige IR dämpft.
Fallstudie: Gründerzeit‑Altbau (Berlin), 3,2 m² Fenster
- Setup: Doppelflügel‑Fenster, Vorhangbreite 2,2 m, Höhe 2,6 m, PCM‑Interlining 0,35 kg m-2, Schmelzpunkt 24 °C, Magnetseiten.
- Messperiode: Februar, 14 Tage, Innen‑Soll 21,5 °C.
- Ergebnisse:
- Temperaturabfall an der Fensterzone 1,1 K → 0,4 K (22–6 Uhr).
- Heizkörper‑Laufzeit am Morgen –12 % (Ventilöffnungszeit).
- Sommer‑Testtag: Spitzenlufttemp. am Fenster –0,8 K, subjektiv deutlich weniger Strahlungskälte/‑hitze.
- Hinweis: Werte sind exemplarisch; tatsächliche Einsparung hängt von Fenster, Dichtung und Nutzerverhalten ab.
DIY – Nachrüst‑Guide in 90 Minuten pro Fenster
Materialliste
- PCM‑Interlining (0,3–0,5 kg m-2, Schmelzpunkt passend zum Raum)
- Vorderstoff oder bestehender Vorhang
- Magnetband 2 × 10 mm für Seitenlaibungen, Bürstendichtung optional
- Beschwerungsband für Saum (≥ 80 g m-1)
- Nähgarn Polyester, feine Nadel; Textilband für Blindstiche
- Blendenleiste/Nischenkasten (Holz/Filz) optional
Schritt‑für‑Schritt
- Fensterlaibung reinigen, Magnetband lotrecht aufkleben (Entfetten nicht vergessen).
- Interlining auf Breite + 10 cm und Höhe + 4 cm zuschneiden.
- Interlining schwimmend zwischen Vorderstoff und Futter einlegen; punktuell fixieren, dann Seitennähte schließen.
- Saum mit Beschwerung einlegen, Überlänge 1–2 cm zum Boden.
- Vorhang aufhängen, Seiten auf die Magnetbänder andocken, Dichtschluss prüfen.
- Optional: Blendenkasten montieren, Fuge zur Decke abdichten (malerfreundliches Dichtband).
Bauzeit: ca. 60–90 min. Kosten je Fenster (2,2 × 2,6 m): 120–260 € je nach Stoff und Dichtung.
Smart‑Home‑Verknüpfung
- Wintertag: Vorhang ab 15 Uhr schließen, bei Raumtemp. > 23 °C leicht öffnen, um PCM zu laden; 22 Uhr schließen für Rückgabe der Wärme.
- Sommernacht: 30 min vor Sonnenaufgang schließen (Hitzeschild), tagsüber nur halb öffnen.
- Sensorik: Fensterkontakt + Thermo/Hygrosensor; Automationen über Matter/Thread oder WLAN‑Relais an Schienenmotoren.
- Heizung: Thermostat um 0,5–1,0 K absenken, wenn PCM „geladen“ (Temp. an Fensterzone ≥ Schmelzpunkt).
Pflege, Brandschutz, Gesundheit
- Waschen: 30 °C Schonwaschgang, niedriges Schleudern, nicht im Trockner.
- Brandschutz: auf schwer entflammbar (z. B. B1/EN‑Klasse) achten, besonders in Fluchtwegen.
- Gesundheit: Mikrokapseln sind eingebettet; bevorzugt OEKO‑TEX zertifizierte Textilien, emissionsarme Ausrüstung (VOC‑arm).
- Nachhaltigkeit: Paraffin‑PCMs sind erdölbasiert; Alternativen mit Bio‑Wachsen verfügbar. Lange Nutzungsdauer & Austauschbarkeit der Einlage berücksichtigen.
Kondensat & Bauphysik – so vermeiden Sie Probleme
- Feuchtemanagement: Bei hoher Luftfeuchte kann sich an kaltem Glas Kondensat bilden. Regelmäßig lüften; im Winter Stoßlüften statt Kipplüften.
- Hygroskopische Zwischenlage: Dünne Woll‑ oder Zellulosefilzlage zwischen PCM und Rückseite puffert Spitzenfeuchte.
- Abstandhalter: 5–10 mm Distanzpunkte halten Stoff von der Scheibe fern.
Pro / Contra kurzgefasst
| Aspekt |
Pro |
Contra |
| Komfort |
Reduziert Strahlungskälte/‑hitze am Fenster |
Effekt lokal, ersetzt keine Dämmung |
| Energie |
Glättet Lastspitzen, ermöglicht 0,5–1,0 K Sollabsenkung |
Einsparung stark nutzungs‑ und gebäudeabhängig |
| Design |
Unsichtbar integriert, große Farb-/Stoffwahl |
Etwas höheres Gewicht, dickere Anmutung |
| DIY |
Nachrüstbar, nähbar |
Saubere Randdichtung erfordert Sorgfalt |
| Kosten |
Günstiger als Fenstertausch |
Höher als Standardvorhang |
Kosten & Amortisation
- Material: PCM‑Interlining 35–80 € m-2, Magnet-/Bürstendichtungen 8–20 € m-1, Vorderstoff je nach Qualität 15–80 € m-2.
- Fertigung: Nähatelier 60–150 € pro Vorhang (Komplexität abhängig).
- Amortisation: In kühlen Klimazonen oft 2–5 Heizperioden, wenn zusätzlich der Thermostat leicht abgesenkt wird und nächtliche Verluste sinken.
Fazit & nächste Schritte
PCM‑Vorhänge sind eine selten genutzte, aber hochwirksame Schnittstellenlösung zwischen Innenraumdesign und Bauphysik. Sie erhöhen die Behaglichkeit spürbar, dämpfen Temperaturspitzen und können Heiz‑ und Kühlbedarf senken – ohne Kompromisse beim Look.
- Messen Sie Ihre Fenster: lichte Breite/Höhe, Platz für Seitendichtungen.
- Wählen Sie den Schmelzpunkt passend zur Raumnutzung (22–26 °C).
- Bestellen Sie Stoffmuster mit PCM‑Einlage, prüfen Sie Haptik & Fall.
- Planen Sie seitliche Magnetdichtungen und einen schweren Saum ein.
- Optional: In Smart‑Home‑Szenen integrieren (Sonnenstand, Temperatur).
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